The Fast & The Furious
Gouverneur Morris und seine zu vielen PS

Historiker haben eine Lieblingsgeschichte über Gouverneur Morris und die geht ungefähr so: Morris verlor sein Bein, als er vor dem wütenden Ehemann einer verheirateten Frau floh.
Ein Skandal. Ein Balkon. Ein Sprung. Lebenslange Folgen.
Die Moral gibt’s gratis mit dazu.
Diese Anekdote taucht in Vorlesungen, Biographien, historischen Abhandlungen und praktisch jedem Text auf, der Morris als den Libertin der Gründergeneration abstempeln will. “Der Verführer, der die Verfassung schrieb”, der “Frauenheld unter den Gründervätern”. Ein Fuckboy des 18. Jahrhunderts mit gepuderter Perücke.
Es gibt nur ein Problem. Die Beweislage für diese Geschichte ist bemerkenswert dünn. Die Quelle: “Ich hab Mal von ‘nem Typen gehört...”
Trotzdem wird sie von Historikern immer noch gern weitererzählt, weil sie einfach zu gut ist. Das ist bedauerlich. Denn die Wahrheit ist deutlich unterhaltsamer.
Die Quellen belegen tatsächlich eine Form von Unbeherrschtheit — nur nicht die, die man ihm gern unterstellt.
Gouverneur Morris hatte Probleme, sich zu zügeln.
Allerdings nicht wenn es um Frauen ging—
sondern wortwörtlich
um Pferde.
Der berühmte Fall
Charles Rappleye, ein Biograph von Robert Morris, schildert den Vorfall übrigens deutlich weniger skandalös als die gängige Legende:
May 1780 […] Gouverneur wurde bei einem aussergewöhnlichen Unfall schwer verletzt. Als er an einem Sonntag seine Kutsche bestieg, um einen Freund in Maryland zu besuchen, erschreckte Morris die beiden vor den Wagen gespannten Pferde, und sie sprangen los, bevor er die Zügel ergreifen konnte.
Sein Bein geriet in ein Rad und wurde an mehreren Stellen gebrochen. Die Ärzte beschlossen sofort, das Bein zu amputieren, und trennten es knapp unterhalb des Knies ab.
Erst achtundzwanzig Jahre alt, überstand Gouverneur die Operation, ohne dass seine Gesundheit oder sein heiteres Gemüt darunter litten.1
Kein Fenster.
Kein gehörnter Ehemann.
Kein dramatischer Hechtsprung ins Gebüsch.
Nur Pferde.
Sehr schnelle Pferde.
Und ein Mann, der offenkundig nicht dafür bekannt war, Dinge langsam anzugehen.
Aber Moment mal. Ich weiss, was ihr jetzt alle denkt:
“Was hat das alles eigentlich mit Gründervater, Finanzminister, Finanzier der Revolution und Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung, Robert Morris zu tun?”
(Ihr habt ihn natürlich alle sofort parat.)
In der Terminologie von Fast & Furious:
Wenn Gouverneur Morris Brian O’Conner war, war Robert Morris sein Dom Toretto.
Sie waren nicht blutsverwandt, aber sie waren füreinander Familie.
Sie waren
Ride or Die.
2 Männer, 1 Revolution, keine Bremsen
Nicht durch Blut verbunden, sondern durch etwas deutlich Belastbareres:
den Hustle. Politik, Geld — und die Amerikanische Revolution.
Oder, wie es ein Beobachter des 19. Jahrhunderts formulierte:
Gouverneur Morris, kein Verwandter, war der beste und treueste Freund, den Robert Morris je hatte.2
Diese Worte stammen aus dem Jahr 1878, geschrieben von Charles Henry Hart, der sich eigentlich mit einer anderen, deutlich unterschätzten Figur beschäftigte:
Mary White Morris.
Und wie so oft gilt auch hier: Die interessanteste Person in der Geschichte ist nicht die, über die am meisten geschrieben wird.
Mary Morris verdient deutlich mehr Aufmerksamkeit, als sie gewöhnlich bekommt.
Geboren 1749 in Philadelphia, heiratete sie Robert Morris noch vor ihrem zwanzigsten Lebensjahr und entwickelte sich rasch zu einer der zentralen Gastgeberinnen der jungen Republik.
Ihr Haus war kein Salon im dekorativen Sinne.
Es war ein historischer Knotenpunkt.
Diplomaten, Offiziere, Politiker—alle gingen dort ein und aus. Zeitgenossen beschreiben sie als Frau von Intelligenz, Würde und bemerkenswerter sozialer Kontrolle. Ihr Haushalt war einer der Orte, an denen Amerikanische Unabhängigkeit nicht nur diskutiert, sondern praktisch organisiert wurde.
Das stille Kraftwerk der Revolution und ihrer Folgen.

Gouverneur Morris war dort nicht nur ein gelegentlicher Gast.
Er war Teil der Crew.
Genau wie mit seiner lebenslangen Verbindung zu den Platers3 wurde auch das Haus der Morrises eines, zu dem er schlichtweg dazugehörte. Das zeigt sich besonders in Momenten, die in der Forschung gern übersehen werden. Als Marys Mutter im Jahr 1790 starb, schrieb Robert Morris sofort an Gouverneur nach Paris, weil er wusste, wie viel sie ihm bedeutete.
Philadelphia, 2. Januar, 1791.
Mein lieber Freund
ich habe mich soeben von meiner Familie verabschiedet, die sich allesamt in Trauer befindet. Mrs. White, die Mutter meiner Frau, liegt nun tot in ihrem eigenen Haus. Sie verschied am Freitagabend, dem 31. vorigen Monats, nach einer kurzen Krankheit, die durch eine schwere Erkältung verursacht wurde, die sie sich zufällig zuzog und die zu lange unbeachtet blieb. Sie litt nicht viel, und da sie bereits im 71. Lebensjahr stand, war ihr Ende nicht unerwartet; dennoch traf es ihre beiden Kinder überraschend und hat sie daher umso stärker erschüttert.Meine Frau sagte vor einer Weile als ich erwähnte, dass ich dir schreibe, dass du oft deine Wertschätzung und Zuneigung für ihre Mutter zum Ausdruck gebracht hast, und bat mich daher, dir von ihrem Tod zu berichten.
Die Verstorbene war eine kluge und gute Frau, und unabhängig von jeder familiären Verbindung habe ich sie stets ausserordentlich geschätzt und geachtet. Wir standen immer in einem äusserst freundschaftlichen Verhältnis zueinander, und ich bedaure ihren Verlust ebenso sehr, als wäre sie meine eigene Mutter gewesen. Ihre Tochter trauert um sie, besitzt jedoch zu viel Verstand und zu viel innere Festigkeit, um ihre Trauer zur Schau zu stellen.
Morgen werden wir sie zu Grabe tragen, zumindest ich und meine Kinder ; doch ich habe nicht vor, dass Mrs. Morris daran teilnimmt, da das Wetter äusserst kalt ist und ich nicht möchte, dass sie ihre Gesundheit gefährdet.
Ich hoffe, mein lieber Gouverneur, dass wir beide noch lange genug leben werden, um uns in dieser Welt wiederzusehen. Ich gestehe dir, dass schon der Gedanke, daran zu zweifeln, meine Glücklichkeit erheblich mindern würde, und mein Vorrat an Glück ist durch widrige Umstände bereits so sehr geschrumpft, dass ich von dem Wenigen, das mir noch bleibt, nur sehr wenig entbehren kann.
Ich hoffe, dass du der Welt noch lange erhalten bleibst als Zierde deiner Art ; als Ehre für die Menschheit, und dass dir das volle Mass an Genuss und Glück zuteilwird, dessen ein Mensch fähig ist. Lebe wohl.
Du hattest nie und wirst nie einen aufrichtigeren Freund haben als ROBT. MORRIS.
Der Brief ist bemerkenswert, aber nicht, weil er besonders aussergewöhnlich wäre — sondern weil er es nicht ist. So schreibt man nicht an einen flüchtigen Bekannten. Besonders nicht an einen Mann, der angeblich hauptsächlich damit beschäftigt war, vor anderen zu flüchten.
Der Brief strahlt so viel Zuneigung und aufrichtige Gefühle aus, er offenbart die innere Welt zweier Männer, die fest in Familienleben, Freundschaften und langjährige Bindungen eingebunden sind.
Was das, was später geschah, umso aufschlussreicher macht.
Als Robert Morris’ finanzielles Imperium zusammenbrach und er im Schuldgefängnis landete, sorgte Gouverneur Morris im Stillen dafür, dass Mary über die Holland Land Company eine jährliche Zahlung erhielt.
Genug, um einen Haushalt zu führen.
Genug, um würdevoll zu leben.
Der angebliche “Playboy unter den Gründervätern” verbrachte Jahre damit, sicherzustellen, dass die Frau seines besten Freundes nicht in Armut geriet.
Historiker lassen diesen Teil gern weg.
Das ist bedauerlich.
Denn er würde eine deutlich bessere Geschichte ergeben:
Gründerväter.
Generationenübergreifende Freundschaft.
Der amerikanische Traum — auf Blut, Tränen und Kredit.
…und ein junger Aufsteiger mit einem ausgeprägten Bedürfnis nach Geschwindigkeit.

Aber Moment mal. Ich weiss, was ihr jetzt alle denkt:
”Ein einzelner Kutschenunfall ist eine etwas dünne Grundlage, um daraus einen Gründervater mit Need for Speed zu machen.”
Das stimmt. Es war nur ein Unfall. Eine Verkettung unglücklicher Ereignisse. Wenn ich also den Mythos von Gouverneur Morris als rücksichtslosen Verführer widerlegen und ihn stattdessen als… sagen wir… übermotivierten Wagenlenker etablieren will, brauche ich mehr.
Etwas Handfestes.
Etwas Peinliches.
Etwas historisch Belastbares.
Am besten—
einen zweiten, sauber dokumentierten Kutschenunfall!
Und bemerkenswert bequem für die Dramaturgie dieses Essays war dieser Gentleman gern bereit, genau diesen Beitrag zu leisten.
Er hat geliefert.
Oder besser gesagt —
gelenkt.
Und zwar nicht besonders gut.
2 Fast 2 Furious
Im Mai hatte Gouverneur Morris einen Unfall mit seinem Phaeton, als er zu schnell die Hauptstrasse in Richmond entlangfuhr – sein früherer Unfall hatte seine Leichtsinnigkeit nicht gebremst.
Nachdem er Gouverneur aus dem Wrack befreit hatte, geriet [Robert] Morris in eine kleine Gewissenskrise. Sollte er eine neue Kutsche kaufen? Er entschied sich dagegen und erklärte Mary: “Ich kann es nicht über mich bringen, meine Gläubiger zu brüskieren, indem ich mir irgendeinen Aufwand erlaube, solange ich verschuldet bin und meine Verbindlichkeiten nicht so rasch begleichen kann, wie ich sollte.”4
Gouverneurs erster Unfall hatte sein Verhalten offenbar nicht nachhaltig gebremst. Dieser zweite Vorfall aus dem Jahr 1788 taucht in Morris’ Biographien so gut wie nie auf. Was bedauerlich ist. Denn er beantwortet eine ausgesprochen hilfreiche historische Frage:
War Morris zügellos?
Ja.
War es sexueller Natur?
Nicht unbedingt.
War es… Fahrzeug-lenkerisch?
Absolut.
Hätte es im 18. Jahrhundert Sportwagen gegeben, wär Gouverneur Morris einen gefahren. Und er hätte ihn geschrottet.
Oder eher zwei.
Die Ironie ist offensichtlich:
Seit Generationen erzählen Historiker eine schlecht belegte Skandalgeschichte über Morris’ angebliche sexuelle Rücksichtslosigkeit, während die Quellen längst eine deutlich bessere Erklärung liefern:
Er floh vor keinem Ehemann.
Er fuhr einfach zu schnell.
Und im Gegensatz zur Balkon-Geschichte ist dies tatsächlich belegt.
Zweimal.

Rappleye, Charles. Robert Morris - Financier of the American Revolution. Simon & Schuster, 2010. (S. 203)
Hart, Charles Henry. Mary White - Mrs. Robert Morris. The Pennsylvania Magazine of History and Biography Vol. 2 No. 2, 1878. (S. 157-184) [PDF verfügbar auf jstor]
Rappleye, Charles. Robert Morris - Financier of the American Revolution. Simon & Schuster, 2010. (S. 444)


