Das Privileg des Pressgangs
Gouverneur Morris zerlegt William Pitt in dessen eigenen diplomatischen Hinterhalt

Es ist Freitag, der 21. Mai 1790.
Gouverneur Morris betritt den Raum, in dem er ein routinemässiges Folgetreffen mit Francis Osborne, dem Duke of Leeds und britischen Aussenminister, erwartet.
Am Tag zuvor hatten die beiden mehrere schwelende Streitigkeiten zwischen Grossbritannien und den Vereinigten Staaten besprochen – unbezahlte Schulden, die Weigerung der Krone, Grenzposten zu räumen, und die zunehmend gewalttätige Praxis, amerikanische Seeleute zu zwangsrekrutieren. Leeds verschob das Gespräch auf den nächsten Nachmittag.
Morris erwartete einen weiteren trockenen, bürokratischen Austausch. Eine politische Nullsummenübung. Washington hatte ihn als inoffiziellen Beobachter mit äusserst begrenzten Befugnissen entsandt. Er war zwar scharfsinnig, hatte aber keine Verhandlungsmacht.
Heute aber betritt Morris einen inszenierten Hinterhalt.
Leeds ist nicht allein. Neben ihm sitzt niemand Geringeres als Premierminister William Pitt. Jung, brillant und absolut vorbereitet. Es ist eine politische Falle; Leeds hat mit einem hochrangigen Kabinettsmitglied als Verstärkung ein kontrolliertes Umfeld geschaffen – eine kalkulierte Inszenierung für eine geplante Enttäuschung.
Beide dachten, so könnte der amerikanische Gesandte ohne Vorwarnung, Vorbereitung oder Unterstützung unter Druck gesetzt werden.
Aber sie unterschätzten Gouverneur Morris, der in so einer Situation einfach das tut, was er am besten kann: Ruhig bleiben, schnell denken, angemessen, gelassen und klug antworten.
I. Menschen, nicht Formalitäten
Pitt beginnt direkt mit dem heikelsten Thema: Die Zwangsrekrutierung, auch “shanghaien” durch Presskomanndos oder Pressgangs genannt. Die Beschlagnahmung amerikanischer Seeleute durch die Briten, die dann zum Dienst in der Royal Navy gezwungen (“gepresst”) werden. Pitt bietet eine bürokratische Notlösung an: Vielleicht sollten die USA Zertifikate ausstellen, die die Staatsangehörigkeit eines Seemanns belegen. Morris lehnt dies höflich, aber bestimmt ab: Ein Zertifikat mag zwar nützlich sein, räumt er ein, aber das eigentliche Problem sei doch, dass Grossbritannien die Amerikaner immer noch wie koloniale Untertanen behandele. Kein Papierkram kann das Machtungleichgewicht korrigieren, das die Krone aktiv ausnutz.
Morris versteht die Lage besser als die meisten anderen. Zwangsrekrutierung war nicht nur ein diplomatisches Ärgernis, sie schwächte auch die amerikanische Seefahrtsindustrie und untergrub die Verteidigungsfähigkeit der jungen Nation. Er hatte während und nach dem Krieg eng mit Robert Morris bei der Gestaltung der Handels- und Seefahrtspolitik mitgearbeitet und erkannte die Strategie hinter dem Verhalten Grossbritanniens: Die Presskommandos waren kein administratives Versehen. Es war eine kalkulierte Drucktaktik. Eine Zwangsmassnahme, die nur knapp unterhalb offener Feindseligkeit lag.
Pitt merkt, dass er seinen Punkt nicht so durchsetzen kann wie er will und wechselt die Taktik. Er und Leeds beschuldigen Morris plötzlich, Leeds’ früheren Brief über den Pariser Friedensvertrag von 1783 “missverstanden” zu haben. Der Grund, warum Morris Leeds am Vortag nämlich aufgesucht hatte, war, das Thema der Untätigkeit Grossbritanniens zur Sprache zu bringen. Die Krone versäumt es seit sieben Jahren, die darin vereinbarten Verpflichtungen zu erfüllen – denn die Pressgangs sind ein Teil davon. Und wie Morris, der Anwalt, mit entwaffnender Einfachheit sagt:
“Verzögerung im Allgemeinen ist stets eine Art Vertragsbruch.”1
Seine Argumentation ist messerscharf: Wenn das Königreich wirklich die Absicht gehabt hätte, den Vertrag einzuhalten, hätte es dies auch getan.
Pitt versucht sich herauszuwühlen und merkt an, dass durch die Verzögerungen gerechterweise auch Schäden für sie selbst entstanden seien. Er schlägt vor, für Verhandlungen von Vereinbarungen zur Behebungen dieser “Unannehmlichkeiten” offen zu sein. Damit bestätigt er unbeabsichtigt Morris’ Vorwurf.
Dieser bleibt gelassen. Er erkennt, dass Grossbritannien gerade versucht, die vertraglichen Verpflichtungen neu zu verhandeln, anstatt sie zu erfüllen. Pitt gibt dies sofort zu und Morris antwortet mit einer so eiskalten, vernünftigen Bemerkung, dass er diesen Schachzug sofort zunichte macht:
“Es ist sinnlos, über einen neuen Vertrag nachzudenken, solange nicht beide Parteien mit dem bereits geschlossenen Vertrag zufrieden sind.”
Mit anderen Worten: “Hör damit auf, Geschichte umschreiben zu wollen und halte dich einfach Mal an das, was bereits unterzeichnet wurde.”
Es ist das diplomatische Äquivalent einer hochgezogenen Augenbraue.
Morris weist erneut darauf hin, dass die Weigerung Britanniens, Amerikaner für Sklaven zu entschädigen, die von der britischen Armee verschleppt wurden, zu einem nationalen Missstand geworden ist. Morris’ Tagebuch spiegelt immer noch seine gleiche Haltung während der Verfassungskonvention von 1787 wider: Sklaverei ist ein Fluch für das Volk. Wieder einmal muss er mitansehen, wie seine “Mitgeschöpfe” wie Eigentum behandelt werden. Er betrachtet sie jedoch als Teil der amerikanischen Bevölkerung und für ihn sind sie Opfer und Individuen, die derzeit vom Krieg und der Politik betroffen sind.
Das war für die damalige Zeit radikal.
Natürlich konnte er diplomatisch gesehen nicht einfach Whitehall betreten und argumentieren: “Das sind amerikanische Bürger, deren Freiheit Sie verletzen.” Er musste argumentieren: “Artikel 7 des Vertrags verbietet die Wegnahme von Eigentum; Sie verstossen damit gegen die Vereinbarung.”
Das, ist das einzige Argument, auf das die Briten rechtlich gesehen antworten müssen. Und Pitt versucht sofort, das Thema als trivial herunterzuspielen:
“Ein zu unbedeutendes Thema, als dass sie eine konkrete Leistung erbringen müssten.”
Damit liefert er Morris eine Steilvorlage:
“Wenn es so trivial ist, dann solltet ihr ja keine Einwände haben, euren Verpflichtungen nachzukommen.”
Das ist typisch Morris: höflich genug, um niemanden zu beleidigen, aber scharf genug, um Spuren zu hinterlassen.
Also wechselt Pitt zum nächsten Thema: Die Grenzposten. Sieben Jahre nach Kriegsende unterhält Grossbritannien immer noch Militärgarnisonen an der Nordwestfront der USA. Pitt behauptet, dass es sich nicht lohne, diese Posten zu behalten. Morris merkt an, dass die Krone sie einfach übergeben sollte, wenn sie wirklich dieser Meinung sei. Wenn sie sie behalten, sehe es eher nach einer Frage des Nationalstolzes als nach einer Frage der Praktikabilität aus – und die Vereinigten Staaten hätten denselben Anspruch auf diese Ehre.
Pitt verstummt.
Morris’ Logik hat ihn in die Enge getrieben.
Also dreht er das Spiel um und wird persönlich.
II. Morris durchblickt das Spiel
Pitts Schachzug ist klassisch imperialistisch: Eine Beleidigung, getarnt als Protokoll. Mit einer Art höflicher Ungläubigkeit fragt er, warum die Vereinigten Staaten keinen richtigen Minister ernannt haben. Die Implikation ist klar:
“Warum sind Sie hier, Mr. Morris? Sie sind eine Privatperson. Sollte sich nicht ein echter Diplomat darum kümmern?”
Aber hier verschätzt sich Pitt erneut. Morris improvisiert nicht über seine Gehaltsstufe hinaus; er ist hier, weil der Präsident der Vereinigten Staaten ihn persönlich geschickt hat. Und diesen Punkt hat er mit höflicher, aber quälender Deutlichkeit schon mehrfach wiederholt:
“Ich bedauere meine begrenzte Befugnis ... Ich handle lediglich nach schriftlichen Anweisungen von General George Washington selbst.”
Als Pitt Morris erneut fragt, ob er denn die Befugnis habe, zu verhandeln, “sagte ich ihm, nein”, hält Morris fest, “und dass wir keinen Minister ernennen könnten, weil sie den zuvor ernannten Minister so sehr vernachlässigt hatten.”
Es ist ein perfekter Konter. Pitt versucht, ihn zu schwächen; Morris antwortet, indem er direkt auf das diplomatische Versagen Britanniens hinweist. Das Machtspiel bricht in sich zusammen, und Morris wirkt am Ende offizieller und legitimer als die Männer, die gerade versucht haben, ihn in seine Schranken zu weisen.
Und dann kommt noch der berüchtigte Morris-Rapier:
“Er fragt, ob wir einen Minister ernennen würden, wenn sie das täten.
Ich sage ihm, das sollten wir tun.”
Das ist Morris in seiner tödlichsten Form: höflich, wortwörtlich und seine Gegner absolut herausfordernd, es zu versuchen.
Morris lächelt. Pitt lacht verlegen. Leeds schwitzt in der Ecke.
Der amerikanische Zivilist hat gerade den britischen Premierminister in seinem eigenen Aussenministerium übertrumpft – und das wissen sie alle.
Durch diesen fast tödlichen Treffer zerschlagen, zieht das Gespräch in die Weite zum Thema Kommunikation. Pitt und der Duke bestehen darauf, dass Morris das Besprochene weitergibt. Morris versichert ihnen, dies zu tun… sobald er das alles schriftlich hat.
“Ich mag es nicht, blosse Gespräche weiterzugeben, weil sie missverstanden werden können und unangenehme Fragen aufkommen können, aber schriftliche Dinge bleiben bestehen und sprechen für sich selbst.”
Ein kleiner, aber notwendiger letzter Schlag von Morris, um den anfänglichen Angriff von Pitt und Leeds auf dessen “Missverständnis” bezüglich des Handelsvertrags-Briefes zu dekonstruieren. Aber als stets versöhnlicher Diplomat und guter Geist versucht Morris, das Gespräch mit einer hoffnungsvollen Bemerkung zu beenden:
“Die Bereitschaft zu einem guten Verständnis zwischen den beiden Ländern”,
bemerkt er, wurde nicht nur durch den Brief des Präsidenten geschaffen, sondern auch durch die Entscheidung der Legislative bekräftigt, in der die Mehrheit des Kongresses zustimmte, keine weiteren Beschränkungen für britische Schiffe in US-Häfen zu verhängen – so wie es die von Pitt vorgeschlagenen Zertifikate gewesen wären.
Doch dann unternimmt der Premierminister einen letzten, ungeschickten Versuch, moralisch die Oberhand zu gewinnen.
Er sagt: “Im Gegenteil, Sie sollten vielmehr uns besondere Privilegien gewähren – so wie die, die Sie hier geniessen.”
Seine Andeutung, dass das britische Königreich Amerika “Privilegien” gewährt habe und die USA dafür dankbar sein und sich revanchieren sollten, gibt Morris das Letzte.
Ohne mit der Wimper zu zucken, liefert er eine Antwort, die so trocken ist, dass man das Pergament knistern hören kann:
“Ich sage ihm, dass ich wirklich keine besonderen Privilegien kenne, die wir geniessen,
ausser dem, dass wir gepresst werden, was von allen dasjenige ist,
an dem wir am wenigsten interessiert sind.”
III. Als der Rauch sich lüftet
Pitts letzte Spielkarte: ein schwaches Appell an die “Freundschaft”. Die Vereinigten Staaten sollten Grossbritannien Sonderprivilegien gewähren – so wie Grossbritannien angeblich Amerika verwöhnt.
Morris explodiert.
Er wird nicht laut oder grossspurig, sondern nennt schlicht und ruhig den Machtmissbrauch beim Namen. Direkt in das Gesicht des Missbrauchers.
Das britische Kabinett, das stundenlang versucht hat, zu minimieren, abzulenken, zu verwirren und auszuweichen, beendet die Diskussion abrupt mit bürokratischer Unbestimmtheit:
“Sie versprechen, sich zu beraten,” schreibt Morris, “und mir das Ergebnis mitzuteilen.”
Was, übersetzt aus dem Whitehall des 18. Jahrhunderts, bedeutet:
“Bitte geh und erwarte keine Rückmeldung.”
Aber Morris tritt erhobenen Hauptes und komplett unbeeindruckt hinaus.
Sein nächster Schritt bereits in Gang.
Er geht direkt nach Hause und schreibt Präsident Washington. Der Brief ist nüchtern, präzise und vernichtend. Er berichtet von den Ausflüchten, beschreibt die versuchten Umkehrungen, schildert das politische Theater – und übergibt dem General das Einzige, was zählt:
Die Wahrheit. Ungefiltert und direkt aus der Höhle der Löwen.
Deshalb vertraute Washington ihm die schwierigsten Aufgaben an. Gouverneur Morris hat nie übertrieben. Nie beschönigt. Nie etwas verschleiert. Er hat die Interessen der jungen Republik mit vollkommener Klarheit vertreten und umgesetzt.
Und jetzt weiss der Kongress genau, wo Grossbritannien wirklich steht: Verzögerung statt gutem Willen. Druck statt “Privilegien”. Heuchelei statt Partnerschaft.
Morris hat genau das getan, wozu er entsandt worden war: Die Wahrheit offenbaren, ohne den Frieden zu brechen. Stärke zeigen, ohne mit dem Säbel zu rasseln. Klarheit schaffen, wo die Briten auf Verwirrung gehofft hatten.
Die Ironie ist perfekt.
Pitt versucht, eine “Privatperson” in ihre Schranken zu weisen, und zwar in jenem sanften, herablassenden imperialen Ton, mit dem eine Grossmacht ihre ehemalige Kolonie an “ihren Platz” erinnert:
“Wir werden Ihre Freunde und Familien verschleppen und unsere voll bewaffneten Bataillone vor Ihrer Haustür stationieren, um Sie an unsere Liebe zu erinnern.”
Aber Morris war der einzige Mann in diesem Raum, der alle Facetten dieses Spiels durchschaute.
“Das einzige ‘Privileg’, das wir geniessen, ist das, gepresst zu werden.
Und ich versichere Ihnen, Herr Premierminister,
wir sind nicht beeindruckt.”
Diese und alle weiteren Zitierungen:
Davenport, Beatrix Cary. A Diary of the French Revolution by Gouverneur Morris 1752-1816 Minister to France during the Terror. George G. Harrap & Co. Ltd., 1939. (S. 520-522)


