Eine Art Wirbelwind
Die Kunst der Verführung - Teil IV. Die Bilanz der Einsamkeit

Direkt nach den Ereignissen aus Der Preis der Einsamkeit, in denen Gouverneur Morris Mitternacht, als »Gegenstand meiner eigenen Verachtung und Abneigung« nach Hause kommt, tut Beatrix Cary Davenport etwas Ungewöhnliches:
Sie setzt den nächsten Brief nicht ans Ende des Kapitels, wo seine Korrespondenz üblicherweise Platz findet, sondern fügt ihn unmittelbar nach Morris’ Schamgeständnis ein.
Dies bewirkt, dass was zunächst wie betrunkene Leichtsinnigkeit aussieht, sich plötzlich eher wie ein psychologischer Schwindelanfall liest.
I. Der Wirbelwind
Paris 18 April 1789
Doktor John Jones
PhiladelphiaMein lieber Doktor
ich bin inzwischen ziemlich überzeugt, dass ich nicht zum Reisenden tauge, obwohl ich anderer Meinung war, als ich Amerika verliess. Doch was würden Sie zu einem Mann sagen, der durch Rouen gekommen ist, ohne die grosse Glocke zu sehen, und der seit über zwei Monaten in Paris ist, ohne auf die Spitze der Notre-Dame gestiegen zu sein? Der in keiner einzigen Kirche gewesen ist ausser in einer, die gerade gebaut wird? Der nur dreimal in Versailles war und bei keinem dieser Besuche den König oder die Königin gesehen hat, noch den Wunsch hatte, sie zu sehen? Und der, sollte er hier zwanzig Jahre bleiben, weiterhin nichts wüsste von der Länge des Louvre, der Breite der Pont Neuf, der Tiefe der Seine und tausend anderen Längen, wie jeder Mann sie kennt?
Sollten Sie mich fragen, was ich gesehen habe, könnte ich mit den Worten des stotternden Nat Hyde antworten: Es ist schwer zu sagen.
Ein Mann in Paris lebt in einer Art Wirbelwind, der ihn so rasch um sich selbst dreht, dass er nichts erkennen kann. Und da alle Menschen und Dinge sich in derselben schwindelerregenden Lage befinden, können sie weder sich selbst noch den Gegenstand Ihrer Betrachtung lange genug festhalten, um ihn ordentlich zu untersuchen. Daher sehen sich die Bewohner dieser Metropole genötigt, ihr endgültiges Urteil auf den ersten Blick zu fällen, und da sie sich daran gewöhnt haben, im Flug zu schiessen, besitzen sie, was die Sportsmänner einen schnellen Blick nennen. Ex pede Herculem. Sie erkennen einen Witzbold an seiner Tabakdose, einen Mann von Geschmack an seiner Verbeugung und einen Staatsmann am Schnitt seines Rocks. Es stimmt, dass sie, wie andere Sportsmänner auch, bisweilen danebenschiessen; doch dann haben sie, wie andere Sportsmänner ebenfalls, tausend Entschuldigungen ausser mangelndem Geschick. Der Fehler kann, wie Sie wissen, beim Hund liegen oder beim Vogel oder beim Pulver oder beim Flintstein oder gar beim Gewehr, ohne den Schützen zu erwähnen.
Wir befinden uns gegenwärtig in einer vortrefflichen Lage für das, was die [Bucks and Bloods] wohl [Frolic oder high Fun]1 nennen würden. Die Minister haben diese Stadt empört durch die Art und Weise, wie sie sie zur Wahl ihrer Vertreter für die Generalstände einberufen haben, und zugleich wird das Brot immer teurer, sodass, wenn sich das Volk am kommenden Montag, Dienstag und Mittwoch versammelt, angesichts von Hunger und Unzufriedenheit schon der kleinste Funke alles in Flammen setzen würde.
Die Staatsärzte haben als Gegengift zwischen fünfzehn- und zwanzigtausend reguläre Soldaten in die Stadt und in deren Umgebung verlegt, damit auf jeden Fall die bons Bourgeois nicht den ganzen Spass für sich allein haben. Diese Massnahme wird eher zu einem Aufstand führen, als ihn zu verhindern. Denn einige der jungen Adligen haben sich zu einem aktiven Glauben an die natürliche Gleichheit der Menschen durchgerungen und verachten alles, was nach Einschränkung aussieht. Es gibt einige Anekdoten dieser Art, die so wunderlich und lächerlich sind, wie man sie sich nur vorstellen kann; doch ich habe weder die Zeit noch die Neigung, sie mitzuteilen.2
Die Platzierung des Briefes, sein abruptes Ende und das vollständige Fehlen von Übergängen geben diesem Schreiben eher die Qualität eines Gedankenüberlaufs, näher an einem Tagebucheintrag als an etwas, das tatsächlich für den Versand bestimmt war.
Genau so bemerkenswert ist, wem Morris unmittelbar nach seiner »Torheit« schreibt.
Nicht einem Freund. Niemandem aus seinem gesellschaftlichen Umfeld.
Niemandem, der ihm gerade nahe ist.
Sondern seinem Arzt in Philadelphia.
Dem Mann, der bekanntlich nicht da war, als Morris sein Bein verlor.
Und plötzlich liest sich der Brief weniger wie gewöhnliche Korrespondenz als wie der intellektuelle Nachhall eines Mannes, der gezwungen ist, sich der körperlichen Realität einer Erfahrung zu stellen, die er zuvor fast vollständig theoretisch gehalten hatte.
Das würde auch die fiebrige Bewegung des Briefes erklären: Morris kreist um Architektur, Gesellschaft, Politik, Mode, Menschenmengen und zuletzt um sich selbst, als versuche er, sich zurück in eine Art Stabilität zu denken, bevor er unweigerlich bei dem Gedanken ankommt, den er nicht zu benennen wagt.
So entfaltet sich der Brief beinahe wie eine medizinische Untersuchung in Echtzeit. Doch je genauer Gouverneur den Wirbelwind um sich herum zu erfassen versucht, desto stärker wendet sich der Sturm nach innen.
1. Der Reisende
“ich bin inzwischen ziemlich überzeugt, dass ich nicht zum Reisenden tauge,
obwohl ich anderer Meinung war, als ich Amerika verliess.”
Oberflächliche Entfremdung + Ortslosigkeit + Fremdheit + Orientierungsverlust
= Morris’ Versuch, seine innere Desorientierung zunächst als Scheitern am Reisen zu erklären.
Doch Tourismus ist nur die Oberfläche. Darunter hat Morris bereits begonnen, sich selbst anzuklagen: Die Reise, für die Gouverneur sich ungeeignet fühlt, ist nicht räumlich, sondern moralisch.
2. Jeder Mann
“Doch was würden Sie zu einem Mann sagen, […] der, sollte er hier zwanzig Jahre bleiben, weiterhin nichts wüsste von der Länge des Louvre, der Breite der Pont Neuf, der Tiefe der Seine und tausend anderen Längen, wie jeder Mann sie kennt?”
Dimensionen + Vermessung + Beobachtung + Wissen + Urteil
= Die Sprache der Aufklärung
Schlicht gelesen klingt die Passage beinahe, als würde Morris sich selbst im Voraus verspotten: »Was machst du hier überhaupt, wenn du nach zwei Monaten — also zwanzig Jahren gemäss Pariser Zeitrechnung — immer noch nicht weisst, was ›jeder Mann‹ weiss?«
Was ich mit »jeder Mann« übersetzt habe steht in Morris’ Original-Brief als »every Body«. Nicht »everybody«—
Every Body.
Das kann schlicht als »jedermann« gelesen werden, doch die Doppeldeutung verschiebt die Passage von Architektur zu Anatomie, von Beobachtung zu Erfahrung, hin zu dem, was jeder Körper ausser seinem eigenen bereits aus erster Hand zu wissen scheint.
Und unmittelbar nachdem Morris seine eigene Unwissenheit verurteilt hat, versucht er, das Problem nach aussen zu verlagern:
“da alle Menschen und Dinge sich in derselben schwindelerregenden Lage befinden, können sie weder sich selbst noch den Gegenstand Ihrer Betrachtung lange genug festhalten, um ihn ordentlich zu untersuchen.”
In Paris, so argumentiert er, wird oberflächliche Gewandtheit zu einer Art sozialer Überlebenstechnik:
“Daher sehen sich die Bewohner dieser Metropole genötigt, ihr endgültiges Urteil auf den ersten Blick zu fällen”
Paris setzt Erfahrung voraus, egal ob diese überhaupt stattgefunden hat.
Und plötzlich beginnt auch die »Torheit« selbst sich anders zu lesen.
Obwohl Morris in seinem Tagebuch offen zugibt, dass »Mr. Richards and Mr. Dariell« vor der Episode mit ihm getrunken hatten, zeigt der Brief etwas Wichtigeres als blossen sozialen Druck:
Morris war sich zutiefst bewusst, dass er ständig als jemand gelesen wurde, der in eine Welt bereits eingeweiht war, die er selbst noch immer aus beobachtender Distanz erlebte.
Die Ausrede ist elegant, weil sie beinahe funktioniert.
Doch dann findet sich Morris im Auge des Sturms wieder.
3. Der Schütze im Wirbelwind
Paris erzeugt einen Wirbelwind + jeder urteilt falsch darin + Sportsmänner verfehlen ihre Schüsse
= Es liegt am Vogel, am Pulver, am Feuerstein, am Gewehr—
“ohne den Schützen zu erwähnen.”
Da ist es.
Die perfekte Analogie.
Der Zugang war vorhanden. Die Gelegenheit war vorhanden. Das Geld war vorhanden. Frühere Hindernisse waren beseitigt. Jede äussere Bedingung, die vermeintlich für Vergnügen nötig gewesen wäre, war technisch erfüllt.
Und dennoch scheiterte die Erfahrung selbst.
Dadurch konnte auch Morris’ Suche nach dem Grund nur scheitern, weil der Akt selbst nie das eigentliche Problem war: Gouverneur wusste offenbar schon lange, bevor er sich darauf einliess, dass es nicht das war, was er wirklich wollte.
Der Brief klingt weit weniger wie die Reflexionen eines erfahrenen Libertins als wie die eines Mannes, der eine Erfahrung intellektuell umkreist, weil er sie im Nachhinein nicht mit sich selbst in Einklang bringen kann.
Es ist das, was in Morris’ erhaltenen Schriften am ehesten einem Eingeständnis tiefgreifender Unvertrautheit nicht nur mit käuflicher Intimität, sondern mit körperlicher Erfahrung von Zweisamkeit im Allgemeinen gleichkommt.
Das Kernproblem war immer er selbst.
4. Die Sturmwand
Unmittelbar nachdem Morris beim »Schützen« angekommen ist, wird er zurück in den Sturm gezogen.
Hunger + Brotteuerung + Truppenaufmarsch
= Eine Stadt, die auf eine Explosion zusteuert.
Der Bruch ist abrubt und wirkt dadurch nicht wie blosse Selbstregulierung durch vertrautes politisches Terrain. Morris nimmt sein persönliches Scheitern in die grössere Instabilität um ihn herum auf.
»Ja, ich bin gescheitert, aber schaut wo ich bin.«
Und zu einem gewissen Grad hat er damit nicht ganz unrecht.
April 1789 war tatsächlich explosiv. Paris selbst hatte begonnen, sich genau wie jener Wirbelwind zu verhalten, den Morris beschreibt: überreizt, beschleunigt, emotional unberechenbar und sichtbar auf eine Katastrophe zulaufend.
Diese Situation kannte er bereits. Aus einer anderen Revolution. Einem anderen Krieg. Dem nämlich, an dessen Gestaltung und Kampf er selbst zu keinem geringen Anteil beitrug.
Die persönliche und die politische Krise im Brief lassen sich nicht mehr voneinander trennen.
»was die Bucks and Bloods wohl Frolic oder high Fun nennen würden«
klingt vor dem Hintergrund schwerer politischer Instabilität und herannahender Gewalt beinahe hysterisch fehlplatziert und könnte leicht als distanzierter Zynismus missverstanden werden.
Doch Morris schlicht als zynisch zu lesen, verlangt oft, diese Passagen aus ihrem emotionalen und historischen Zusammenhang zu lösen.
Morris beobachtet den Wirbelwind nicht aus sicherer Entfernung.
Er schreibt aus seinem Inneren.
Ob er diese Selbstuntersuchung je seinen Schreibtisch verlassen liess, bleibt unklar.
II. Der Doktor
Genau wie Gouverneur Morris’ eigener Brief unvollendet abbricht, fehlen möglicherweise auch Seiten, die Dr. John Jones’ erhaltenen Antworten von 1790 und 1791 vorausgingen. Ob Jones also direkt auf den »Whirlwind«-Brief antwortet, lässt sich daher nicht verlässlich nachweisen.
Doch die erhaltene Korrespondenz deutet auf etwas ebenso Aufschlussreiches hin: Während Morris die ersten Jahre der Revolution zwischen Pariser Salons, politischem Umbruch und zunehmend instabilem emotionalem Gelände verbrachte, schrieb Dr. Jones ihm weiter aus einer vollkommen anderen Welt.
Als Arzt, revolutionärer Chirurg, langjähriger Bekannter aus Philadelphia und zeitweise Mitbewohner von Gouverneur gehörte Dr. John Jones einer älteren amerikanischen Welt an, die von Pensionen, nächtlichen Gesprächen und einer fragilen republikanischen Stabilität geprägt war – einer Welt, aus der Morris selbst zunehmend herausgerissen zu werden scheint.
1. Die alte Welt
[…] Wenn ich je ein Talent für Korrespondenz mit Damen besessen habe, so sind diese Tage, mein lieber Doktor, Ach! nicht mehr. Selbst die gutmütigen, gefälligen Geschöpfe, die einst das grüne Zimmer besuchten, in dem Sie mit mir gegenüber den Shambles wohnten, haben mich nun verlassen, undankbare Weiber! Sie sollten sich zumindest an meine früheren Dienste erinnern, doch selbst die Musen so wie andere Weiber, sagt Swift, behandeln einen Mann schlechter für jedes Lebensjahr, das hinzugefügt wird.3
Was in Jones’ Erinnerung überlebt, ist häuslich und gesellschaftlich zugleich: geteilte Zimmer, beiläufige Besuche, Frauen, die vertraut genug waren, um Jahrzehnte später noch gegenwärtig zu bleiben.
Das Bild wirkt in seiner Beiläufigkeit seltsam intim. Und anders als Morris’ Paris bleibt Jones’ Welt emotional lokal, geerdet und klein genug, um sie in Gedanken erneut zu betreten, ohne sich in ihr zu verlieren.
Denken Sie daran, mein lieber Doktor! Und schreiben Sie Verse, solange Sie noch auf dem Gipfel des Parnass stehen. Was Ihren Freund, den alten Doktor, betrifft, so sind alle seine Vorstellungen vom Glück in dieser Welt in einen engen Kreis eingeschlossen: der Kamin, ein bequemer Sessel, einige gute Bücher und zwei oder drei alte Freunde, die gut genug sind, ihn zu besuchen, bilden sein summum bonum.
Und in seinem zweiten erhaltenen Brief an Gouverneur, etwa ein halbes Jahr später geschrieben, kehrt Jones zu derselben emotionalen Geographie zurück:
[…] Unsere übrigen Freunde sind im Allgemeinen wohlauf, nicht ausgenommen Mrs. Clarke und Miss Dally, mit denen der alte Doktor so lange gelebt hat, dass er kaum ohne sie leben könnte.4
Während Gouverneur versucht, die Wirbelwinde der Pariser Gesellschaft zu navigieren — und tatsächlich seine Verse für diejenigen schreibt, die bereit sind, sie zu empfangen — betrauert Jones sein eigenes Hinausdriften aus der weiblichen Aufmerksamkeit.
Doch gerade in diesen Klagen zeigt sich, wie selbstverständlich Frauen, Umwerbung, Ehe und Ruf zu dem Gesprächsraum gehörten, den Jones mit Morris teilte.
2. Matrimania
Ich hatte einmal erwogen, ein paar Zeilen an Mrs. Penn zu richten, betreffend ihren guten alten Freund Mr. Hill, der seit einiger Zeit die Matrimania [unterstrichen] in hohem Grade im Kopf hat und von Mrs. M—s und Mrs. P—l unter dem schönen Vorwand von Freundschaft und Sorge um seinen Charakter so streng behandelt worden ist, dass ich mich zeitweise besorgt gefragt habe, ob er nicht von jenem feinen, präzisen Pfad moralischer Reinheit abweichen könnte, der seit jeher das charakteristische Merkmal seines Umgangs mit dem anderen Geschlecht ausgemacht hat – denn ihm wurden Versuchungen unanständiger Art in den Weg gelegt. Hätte er nicht eine Feinheit der Galanterie besessen, die dem eines [Albic] [unleserlich] Wassermolchs überlegen war, so glaube ich, wäre er ein verlorener Mann gewesen — aber wissen Sie, mein lieber Doktor, wenn ein Feigling gezwungen ist, seinem Feind gegenüberzutreten, wird er zum verzweifeltsten Kämpfer; genau diese Furcht war es, die mich dazu brachte, mir zu wünschen, Mrs. Penns Meinung zu hören. Ich hätte tatsächlich geschrieben, um sie zu erbitten, doch mein Mut verliess mich.
Frauen + Ehe + Versuchung + Ruf
= Klatsch und Tratsch
Die Sprache vertrauter männlicher Freundschaft in den 1790er Jahren.
Jones schreibt nicht direkt an Mrs. Penn, obwohl er ihre Meinung in dieser Angelegenheit offensichtlich hören möchte. Stattdessen berichtet er die ganze Geschichte Gouverneur — tausende Meilen entfernt in Paris — als wäre Morris der natürlichere Empfänger für diese Art sozialer und emotionaler Unterhaltung.
Allein das weist auf eine Freundschaft hin, die daran gewöhnt war, über Frauen, Liebeswerben und romantische Verwirrung zu sprechen.
Doch wirklich aufschlussreich wird die Passage durch die Annahme, die unter dem Humor liegt:
Dies ist kein Brief eines Libertins an einen anderen.
Jones schreibt an Morris als an einen Mann, von dem er erwartet, denselben moralischen Code zu verstehen:
Zurückhaltung, Ruf und Feingefühl im Umgang mit Frauen.
3. Morris, der Romantiker
Im zweiten Brief legt Jones den Finger direkt auf das zentrale Muster in Morris’ Leben:
Noch einmal, mein lieber Doktor, was treiben Sie? Wie viele Jahre wollen Sie noch verstreichen lassen, sich Zukunftsträume von Glück auszumalen, die vielleicht nie wahr werden, während Sie das vernachlässigen, was in Reichweite liegt
Der Satz wirkt in seiner Treffsicherheit beinahe absurd modern.
Jones hat etwas Grundlegendes in Gouverneur diagnostiziert:
die Gewohnheit, der Wirklichkeit immer ein wenig vorauszuleben.
Er kannte Morris als jemanden, der fortwährend Bedeutung in die Zukunft projizierte, während er Mühe hatte, die Gegenwart selbst zu bewohnen.
Und plötzlich liest sich auch der »Wirbelwind«-Brief noch einmal anders.
Morris’ Scheitern in Paris beginnt weniger wie libertiner Exzess zu wirken als wie sein Gegenteil: Ein zutiefst intellektueller, emotional idealisierender Mann, der zu spät entdeckt, dass verkörperte Erfahrung nicht unbegrenzt als Theorie überleben kann.
Und das ist vielleicht das verheerendste Detail der gesamten Korrespondenz. Selbst die Menschen, die Gouverneur Morris am nächsten standen, scheinen dasselbe erkannt zu haben:
Morris war für die distanzierte Mechanik des Libertinismus nicht gemacht.
Falls Jones die »Wirbelwind«-Beichte also überhaupt je erhalten hat, hätte er sie vermutlich weniger als einmalige emotionale Krise gelesen denn als weiteres Beispiel dafür, dass Morris für das Leben, in das er sich selbst hineingeworfen hatte, im Grunde ungeeignet war.
»Schlechter Tourist, schlechter Pariser,
wahrscheinlich sogar schlecht im Schiessen.«
III. Die Bilanz der Einsamkeit
In beiden erhaltenen Briefen versucht der alte Doktor immer wieder, Morris in die Wirklichkeit zurückzuziehen. Jones drängt ihn, seine juristischen Geschäfte aufzugeben und zu dem einen Feld zurückzukehren, von dem er aufrichtig glaubt, dass es Morris’ Charakter entspricht:
Verwenden Sie die Talente, mit denen der Himmel Sie so reichlich beschenkt hat, zur Förderung von Ordnung und guter Regierung, die für das politische Glück einer Verfassung so wesentlich sind, an deren Ausarbeitung Sie keinen geringen Anteil hatten — überlassen Sie Rechtsgeschäfte, Handel und Spekulationen denen, die zu nichts Besserem taugen.
Der Charakter eines aufrechten Staatsmannes und fähigen Gesetzgebers wird Ihnen unendlich besser stehen
Ein halbes Jahr später wird dieser Rat noch persönlicher:
»Caelum non animum mutant qui trans mare currunt« sagt das alte lateinische Sprichwort, und es täte mir sehr leid, mein lieber Doctor, wenn Sie eine Ausnahme von der allgemeinen Regel wären. Doch wenn ich bedenke, wie viel Zeit vergangen ist, seit ich Ihnen eine ziemlich lange, freundschaftliche Epistel geschrieben habe, ohne auch nur die geringste Antwort zu erhalten, kann ich mich einer kleinen Vermutung von Entfremdung bei meinem alten Freund nicht erwehren; einem Freund, der früher weder sparsam mit seinen Worten war noch sich davor scheute, ein wenig Tinte zu vergiessen. Was auch immer die Ursache Ihres Schweigens sein mag, ob das Streben nach Ruhm oder Reichtum, beides beginne ich inzwischen als eitle Erwerbungen zu betrachten, bin ich entschlossen, Sie noch einmal zu fragen: Wie geht es Ihnen? Ich habe noch nicht gehört, dass Sie reich geworden seien; und wären Sie es, so würden [archy] Mr. [Call & George Emlen] Ihnen den Preis wohl streitig machen. Aber in der Tat, mein lieber Doctor, ich glaube, Sie haben Ihre Talente verkannt, als Sie sie auf die Wissenschaft der Vermögensanhäufung verwendeten. Das war nie das Genie Ihrer Familie, die im Allgemeinen die Kunst des Geldausgebens weit besser verstanden hat als jene, es zu erwerben. Und ich wünsche aufrichtig, Sie mögen von dieser Wahrheit überzeugt werden, bevor Sie zu viel von Ihrem eigenen ausgegeben haben.
Jones sieht Morris seine Talente auf das falsche Feld richten.
Spekulation, Finanzgeschäfte und die kontinentale façon de vivre ziehen Morris fort von dem einen Bereich, der seinem Temperament tatsächlich entsprach:
Politisches Urteil.
Auch Jones’ Bemerkung über das Geld wird damit zu mehr als einer beiläufigen Familienpointe. Er erinnert Morris an etwas, das er aus der alten Welt ihrer gemeinsamen Bekanntschaft wusste: Die Morrises waren besser im Ausgeben als im Anhäufen. Gerade deshalb wirkt Gouverneurs Pariser Exzess nicht wie die natürliche Entfaltung eines Libertins, sondern wie eine Fehlanwendung seiner Kräfte.
Geld, Gesellschaft, Vergnügen, Rolle: Alles, was äusserlich nach Weltläufigkeit aussieht, führt ihn weiter von dem fort, worin Jones sein eigentliches Format erkennt.
Und plötzlich steht die Torheit nicht mehr ausserhalb der übrigen Bewegung.
Sie macht die kumulierten Kräfte sichtbar, die in Morris wirbelten:
emotional + finanziell + politisch + körperlich
= Die Bilanz der Einsamkeit
»Bucks and Bloods«: englischer Slang für junge Männer der modischen, sportlichen und vergnügungssüchtigen Oberschicht.
»Frolic or high Fun« meint etwa ausgelassene Tollerei oder gehobenen Vergnügungsrausch.
Davenport, Beatrix Cary. A Diary of the French Revolution by Gouverneur Morris 1752-1816 Minister to France during the Terror. George G. Harrap & Co. Ltd., 1939. (S. 44-45)



