Die Kunst des Nicht-Beklagens
Kampf um Kutschen, Kooperation und Küche in Koblenz

Kurz nachdem Gouverneur Morris Das Privileg des Pressgangs in London erfuhr, reiste er von England über die Niederlande und Belgien durch Deutschland zurück nach Paris.
Im Oktober 1790 verliess er Bonn.
… Oder versuchte es zumindest.
Donnerstag, der 21. — Heute Morgen kann ich nicht wie erwartet um sechs Uhr aufbrechen, da keine Postpferde zur Verfügung stehen. Sie sind alle von Reisenden angeheuert worden, die vor mir gesprochen haben. Eine Gruppe jedoch, die um ein Uhr nach Köln aufgebrochen war, kehrt so früh zurück, dass ich mit ihnen um Viertel vor zehn aufbreche. Wir kommen nur langsam voran, was aber verzeihlich ist, da die Nutztiere erschöpft sind. (…)
Wir treffen im Posthaus [ von Remagen ] (oder besser gesagt, wir werden überholt von) einem britischen Boten, der London am vergangenen Sonntagabend verlassen hat. (…) Er bekommt Pferde vor mir und verspricht, mir in Andernach ein Gespann bereitstellen zu lassen.
Wir brauchen eine ganze halbe Stunde, um die Pferde zu wechseln, und unser Postillon ist entschlossen, die verlorene Zeit nicht aufzuholen, sondern bestätigt, was der Bote mir gesagt hat: ‘Dies ist ein schreckliches Land, Sir, um darin zu reisen; sie sind extrem langsam, und wenn man versucht, sie zu beschleunigen, werden sie noch langsamer.’
Mein Diener ist ziemlich verärgert über seine Landsleute, denn seine Überzeugungs-versuche werden mit stiller Verachtung behandelt. Er merkt ganz zu Recht an, dass solche Menschen nicht frei sein können, sie brauchen einen Herrn.In zweieinhalb Stunden erreichen wir Andernach, das nur etwa 15 Meilen entfernt ist, wenn überhaupt, und die Strasse ist ausgezeichnet. Die Pferde stehen an diesem Ort bereit, aber dennoch werden wir eine Viertelstunde aufgehalten, um sie anzuspannen, und als wir die Stadt verlassen, begeben wir uns für eine beträchtlichen Strecke auf Spaziergang, weil die Strasse hier neu geschottert ist und er es sich in den Kopf gesetzt hat, dass sie für drei starke Pferde zu schwer ist, obwohl sie ganz eben ist. Versuche, ihn zu überreden, sind erfolglos, und mein Wunsch, vor Einbruch der Nacht in Koblenz anzukommen, nützt weder ihm noch mir etwas.
Etwa auf halber Strecke oder sogar zwei Drittel des Weges zu diesem Ort begegnen wir einer weiteren Postkutsche, und um mich zu ärgern werden die Pferde gewechselt. Die Personen, die darin sitzen, bleiben ruhig und resigniert. Und doch sind sie es, die wirklichen Grund zur Beschwerde haben, denn mein neuer Kutscher und meine neuen Pferde bringen mich mit einer Geschwindigkeit voran, die ich seit meiner Überfahrt aus Dover nicht mehr erlebt habe. (…)
Bei der Einfahrt nach Koblenz überqueren wir die Mosel auf einer schönen Steinbrücke. Die Entfernung zu unserem letzten Posthaus beträgt etwa zwölf Meilen, die Dank unseres ersten Postillons zweieinhalb Stunden aufgefressen hat.
(…) Bei meiner Ankunft um halb sieben bestelle ich sofort das Abendessen. Es soll alsbald serviert werden, während die gedeckte Table d’Hôte erst um acht Uhr bereitstehen wird.
Als ich um halb acht, noch keine Anzeichen von Essen sehe, wette ich mit meinem Gastgeber, dass er mir so dienen wird wie andere zuvor und mich warten lassen wird, um das Essen durch zu langes Braten zu verderben. Er versichert mir, dass sein Koch ausgezeichnet ist und dass die Menschen hier es vorziehen, Speisen wo der Saft noch dran ist zu essen.
Um acht Uhr wird ein Teil des für die Table d’Hôte bestimmten Essens auf mein Zimmer gebracht, und das erste Gericht ist eine Art Eintopf namens Suppe, zubereitet aus fettigen Krusten, die ich natürlich nicht anrühre, ebenso wenig wie den Spinat, der dazu serviert wird. Darauf folgt ein Stück Kalbfleisch, das bei meiner Ankunft bereits fertig zubereitet war, denn mein Freund, der Bote, ass es wenige Minuten später. Das dient dazu, den Magen meines Hundes zu beruhigen. Dann kommt ein matschiges Rebhuhn, nicht gebraten, sondern halb geschmort, halb gebacken, bis es weder Saft noch Geschmack hat.
Ich beschwere mich ziemlich heftig, und man bringt mir eine Kalbsschulter, aber das arme Tier ist, glaube ich, zu Tode verhungert. So hungrig ich auch bin, der Anblick erregt in mir solche Übelkeit, dass ich es nicht Mal meinen Hund essen sehen kann.
Sie hatten mir noch Drosseln versprochen, dies aber glücklicherweise vergessen, weshalb ich wünsche, dass sie sofort gebraten werden, und wenige Minuten später meinen Diener hinunterschicke, dessen inständige Bitten sie vom Koch erhalten, solange sie noch essbar sind, aber wie es der Teufel wollte, haben die Vögel so viele Wacholderbeeren gegessen, dass sie eine Art fester Gin sind.
Es gibt keine anderen Vorräte mehr als Salz-Käse aus Schweinekopfsülze, der sehr gut gewesen wäre, wäre er frischer (d. h. neuer) gewesen. Senf hätte gut dazu gepasst, aber sie haben keinen.
Dieser Abend ist, wenn möglich, etwas schöner als der Tag es war.
Liebe Leser,
ich weiss, was Ihr jetzt denkt.
Oberflächlich betrachtet liest sich dies wie die übliche Beschwerde eines ungeduldigen, aristokratischen Reisenden: Keine Postpferde verfügbar, Strassen zu langsam, Essen ungeniessbar, Diener inkompetent.
Aber wie immer bei Mr. Morris steckt hinter seinen Worten viel mehr als nur eine Beanstandung. Es ist eine Farce. Morris ist nicht wütend. Er beobachtet, katalogisiert und – was am wichtigsten ist – dokumentiert, was er tut, wenn die Dinge ausser Kontrolle geraten:
Er lacht.
Eine grossartige Hindernis-Komödie
Gouverneur Morris hätte diesen Tag wie jeden anderen dokumentieren können; in Messungen, wirtschaftlichen und ökologischen Überlegungen, Bodenqualitäts-bewertungen, Einschätzungen der Bewirtschaftungsbedingungen oder Wert- und Währungsfragen, aber nein.
An diesem Tag widersetzt sich ihm alles. Andere wachen früher auf als er. Die Pferde sind erschöpft. Die Strassen sind frisch geschottert und daher in der Vorstellung von Idioten “zu schwer” für Reisende. Die Postillions weigern sich aus Prinzip, sich zu beeilen. Diplomatische Überzeugungskraft stösst auf stille Verachtung. Andere Reisende akzeptieren willkürliche Entscheidungen und Inkompetenz mit priesterlicher Resignation. Und in dem einen Moment, in dem endlich etwas Geschwindigkeit aufkommt, geschieht dies gegen seinen Willen und nur aus reiner Ironie.
Und das alles noch vor seiner ersten Mahlzeit.
Ich weiss, dass Witze, die Erklärungen brauchen, meistens schlichtweg nicht lustig sind. Aber diese hier sind es wert, und der letzte kommt ganz ohne Ausarbeitung aus.
“Er merkt ganz zu Recht an, dass solche Menschen nicht frei sein können, sie brauchen einen Herrn.”
Martins Bemerkung wurde nicht von einem Rednerpult gefällt, sondern irgendwo neben einer Kutsche am Wegesrand, in Schlamm und Frustration, nach Stunden willkürlicher und sinnloser Verzögerung.
Martin Bromeling, gebürtiger Mannheimer und langjähriger Freund und Diener Gouverneurs, hat argumentiert, gebeten, erklärt und wurde von seinen deutschen Landsleuten trotzdem ignoriert. Als er schliesslich frustriert zu Morris zurückkehrt, um ihm zu berichten, was die Leute gesagt haben, kann er nur den Kopf schütteln.
“Wissen Sie was? Freiheit für mein Volk war ein grundlegender Fehler.“
Morris hält die Äusserung fest, weil sie im Kontext komplett empörend ist. Sie widerspricht all seinen Prinzipien, die ihm so am Herzen liegen. Freiheit war für ihn nie eine Belohnung für Gehorsam, sondern eine Disziplin, die Kompetenz erfordert.
Doch in diesem Moment hat Freiheit nichts mit Rechten zu tun, sondern ausschliesslich damit, dass ein Fachmann drei voll leistungsfähige Pferde in weniger als einer Stunde auf einer ebenen Strasse vor eine Kutsche spannt, ohne autoritären Druck.
“Und als wir die Stadt verlassen, begeben wir uns für eine beträchtlichen Strecke auf Spaziergang”
Ein absoluter Knaller und ein perfekter Scherz, weil er so klammheimlich abtrünnig ist.
Die Szene ist völlig absurd und in sich schon lustig darin, dass er, Martin, und der grosse Neufundländer, den Gouverneur als Geschenk für die Herzogin von Orleans gekauft hat, den Pferden und der Postkutsche hinterherlaufen müssen. Aber noch lustiger ist die syntaktische Ruhe, mit der er etwas völlig Verrücktes berichtet. Bürokratische Gelassenheit vom Feinsten.
Er hat für eine Kutsche bezahlt, für genügend Pferde, und mit den Gebühren sogar die Befestigung der Strasse mitunterstürzt.
Nur den Willen eines Anderen, diese auch zu benutzen, liess sich nicht kaufen.
“Mein Wunsch, vor Einbruch der Nacht in Koblenz anzukommen, nützt weder ihm noch mir etwas.”
Zu diesem Zeitpunkt des Tages ist Team Morris seit vor Tagesanbruch wach. Sie waren bereit, um sechs Uhr morgens abzureisen, wurden jedoch bis fast zehn Uhr festgehalten. In Remagen wurden sie erneut bis ein Uhr nachmittags aufgehalten, in Andernach bis vier Uhr. Nach elf Stunden voller Anstrengungen, Irritationen und Verhandlungen hatten sie bis dahin etwa 28 der 40 Meilen zwischen Bonn und Koblenz zurückgelegt.
Morris rechnet nach…
und verwirft das Ergebnis sofort wieder.
Am Morgen waren sie mit übermüdeten Pferden nur langsam vorangekommen und haben trotzdem in zwei Stunden und fünfundvierzig Minuten dreizehn Meilen zurückgelegt. Die verbleibenden zwölf Meilen auf einer befestigten Strasse mit frischen Pferden würden normalerweise vielleicht anderthalb Stunden, höchstens zwei in Anspruch nehmen.
Seine Berechnung ist korrekt aber komplett nutzlos, denn sie gehört zu einer Welt, in der die Dinge noch auf Vernunft reagieren.
Als also alle Verhandlungen um gesunden Menschenverstand an der undurchdringlichen Mauer deutscher Hartnäckigkeit scheitern, greift Morris nach dem letzten, zivilisierten Mittel, das ihm noch übrig bleibt:
Sarkasmus.
“Man müsste schon zu Fuss gehen, um es nicht vor Einbruch der Dunkelheit nach Koblenz zu schaffen.”
“Etwa auf halber Strecke oder sogar zwei Drittel des Weges zu diesem Ort begegnen wir einer weiteren Postkutsche, und um mich zu ärgern werden die Pferde gewechselt.
Die Personen, die darin sitzen, bleiben ruhig und resigniert.
Und doch
sind sie es, die wirklichen Grund zur Beschwerde haben, denn mein neuer Kutscher und meine neuen Pferde bringen mich mit einer Geschwindigkeit voran, die ich seit meiner Überfahrt aus Dover nicht mehr erlebt habe.”
Auf Poststrassen waren Pferde nicht an die Reisenden gebunden, sondern gehörten zur Route. Wenn sich zwei Postkutschen begegneten, konnten Beamte entscheiden die Pferde neuzuzuweisen aufgrund von Priorität, Zeitplan oder ...
reiner Willkür.
In diesem Fall durchblickt Morris sofort, dass die Entscheidung aus Boshaftigkeit getroffen wurde. Es handelt sich um ein kleines Demütigungsritual, das unter dem Deckmantel der Verfahrensweise durchgeführt wird.
Die Menschen in der anderen Kutsche akzeptieren das Ritual passiv. Kein Protest, kein Streit – sie scheinen sich nicht daran zu stören.
“Und doch—”
Hier kommt die Wende. Gouverneur Morris nahm Inkompetenz nicht einmal stillschweigend hin. Jetzt aber schreibt er, dass die Anderen diejenigen sind, die Grund zur Beschwerde haben.
Warum?
Weil Morris nach dem Pferdewechsel plötzlich mit unnatürlich hoher Geschwindigkeit vorankommt – schneller als zu jedem anderen Zeitpunkt seiner Reise auf dem Kontinent.
Nach stundenlangen Verzögerungen funktioniert das System endlich.
Aber nur als Folge des Prinzips, das er zuvor festgehalten hat:
“Fordern Sie sie nicht auf, sich zu beeilen, sonst werden sie noch langsamer.”
Der Postillion, der ihn zum Gehen zwang, glaubte, ihn weiter aufzuhalten. Stattdessen beschleunigt er ihn aber. Es ist eine perfekte Kehrtwende und die Ironie der Situation wirkt hier auf drei Ebenen gleichzeitig:
Systemische Absurdität
Effizienz entsteht nur durch Zufall und Ungerechtigkeit.Moralische Umkehrung
Die benachteiligte Partei beschwert sich nicht; der Beschwerdeführer profitiert von seiner Bestrafung.Selbsbewusstsein
Morris ist sich schmerzlich bewusst, dass dieser “Erfolg” – die Ankunft vor Einbruch der Dunkelheit – nicht nur gemein, unlogisch und grotesk war.
Nein, das Schlimmste daran: Sie erwies seine Berechnung als falsch.
Das Dinner-Debakel
Der zweite Teil des Tagebucheintrags wechselt von logistischem Elend zu kulinarischem Horror. Die gesamte Koblenzer Abendessensequenz ist ein Meisterwerk kontrollierter Abscheu und tiefsitzender Frustration, geschrieben wie eine juristische Anklageschrift.
Jedes Gericht scheitert auf individuelle Weise:
Die Suppe ist fettig und ungeniessbar.
Der Spinat wird ohne Diskussion abgelehnt.
Das Kalbfleisch ist seit Stunden nicht mehr zu retten.
Das Rebhuhn, ruiniert durch Unentschlossenheit.
Die Kalbsschulter verursacht Übelkeit.
Die Drosseln, reine übergärte Wacholder getränkte Verzweiflung.
Der Käse ist alt.
Gewürze auffällig abwesend.
Das ist keine Kleinlichkeit sondern Verärgerung von jemandem, der genau versteht, wie die Dinge funktionieren sollten, und gezwungen ist, mit anzusehen, wie sie einen Gang nach dem anderen scheitern.
Die Pointe
Insgesamt betrachtet dokumentiert Morris’ Eintrag vom 21. Oktober einen bekannten Konflikt: Systemkompetenz trifft auf Verlust von Handlungsfähigkeit.
In diesem Sinne spiegelt dieser Reisebericht das wider, was ich in Die Kunst der Verführung verargumentiert habe – nur der Schauplatz hat sich geändert:
Wenn Skripte in Salons, dem Reich der Überwachung, abweichen, zieht sich Morris zurück. Wenn sie dies auf der Strasse, dem Reich der Selbstorganisation, tun, macht er Witze darüber.
In beiden Fällen hätte sich Morris für Vermeidung oder Empörung entscheiden können. Stattdessen wählte er Selbstregulierung. Das ist eine starke Leitlinie, die sich durch seine Tagebücher zieht und sich auf das überträgt, was wir heute als AuADHS-Merkmale erkennen:
Starkes internes Skripting
Hohe Sensibilität für Ineffizienz und Moral
Ungeduld gegenüber willkürlicher Autorität
Beunruhigung, wenn die Kontrolle entzogen wird
Neigung zum Überschreiten von Grenzen, weil man die Lösung so klar sieht
Rückzug oder Flucht in Komik, wenn Interventionen fehlschlagen
Gouverneur Morris ist ausserordentlich versiert in Systemen, egal ob finanzieller, logistischer, sozialer oder verfahrenstechnischer Natur. Wenn sie funktionieren, bewegt er sich mühelos in ihnen. Wenn sie versagen, will er instinktiv eingreifen, korrigieren, beschleunigen. Scheitert dies aber, explodieren andere.
Morris formuliert um.
Was wir hier beobachten, ist eine subtile Verlagerung weg von moralisierender Selbstüberwachung hin zu ironischer Selbstbeherrschung. Deshalb ist dieser Eintrag von so entscheidender Bedeutung: Wo Morris zufällig amüsant wirkt, ist er sich seiner Witzigkeit als Instrument in Wirklichkeit sehr bewusst und geht überaus präzise damit um. Das Pacing selbst legt das Muster frei:
Beschwerde → Eskalation → ironische Umkehrung
→ trockene Beobachtung → subversive Pointe
Also,
liebe Leser,
ich verabschiede mich mit dem Ende seines Tagebucheintrags, dort anknüpfend, wo ich ihn abgeschnitten habe:
“Ein heller Vollmond.
Der Wein hier ist sehr gut, und eine Flasche ist ein guter Schlummertrunk
für mein kurzes Bett, aus dessen Fussende ich jedoch nur ein Bein herausstrecken kann,
da ich das andere in Amerika gelassen hab.”
Bilbliographische Angabe:
Davenport, Beatrix Cary. A Diary of the French Revolution by Gouverneur Morris 1752-1816 Minister to France during the Terror - Vol. II. George G. Harrap & Co. Ltd., 1939.
(S. 25-28)


