Manuskripte

Transkriptionen handschriftlicher Quellen zu Gouverneur Morris, mit Quellenangaben und OCR-freundlichem Text.

Die Transkriptionen geben die ursprüngliche Rechtschreibung, Zeichensetzung, Grossschreibung und grammatikalische Unregelmässigkeiten der Manuskripte so originalgetreu wie möglich wieder. Unterstrichene Wörter, unklare Lesarten und unleserliche Passagen sind in Klammern angegeben.

John Jones an Gouverneur Morris, 1. Nov. 1790

«Jones, John1»
Philadelphia, 1. November 1790
Gezeichnet: »Old Doctor«, 4 Seiten.
Quelle: Rare Book & Manuscript Library, Columbia University Libraries, Gouverneur Morris Papers.

Ich hatte einmal erwogen, ein paar Zeilen an Mrs. Penn zu richten, betreffend ihren guten alten Freund Mr. Hill, der seit einiger Zeit die Matrimania [unterstrichen] in hohem Grade im Kopf hat und von Mrs. M—s und Mrs. P—l unter dem schönen Vorwand von Freundschaft und Sorge um seinen Charakter so streng behandelt worden ist, dass ich mich zeitweise besorgt gefragt habe, ob er nicht von jenem feinen, präzisen Pfad moralischer Reinheit abweichen könnte, der seit jeher das charakteristische Merkmal seines Umgangs mit dem anderen Geschlecht ausgemacht hat – denn ihm wurden Versuchungen unanständiger Art in den Weg gelegt. Hätte er nicht eine Feinheit der Galanterie besessen, die dem eines [Albic] [unleserlich] Wassermolchs überlegen war, so glaube ich, wäre er ein verlorener Mann gewesen — aber wissen Sie, mein lieber Doktor, wenn ein Feigling gezwungen ist, seinem Feind gegenüberzutreten, wird er zum verzweifeltsten Kämpfer; genau diese Furcht war es, die mich dazu brachte, mir zu wünschen, Mrs. Penns Meinung zu hören. Ich hätte tatsächlich geschrieben, um sie zu erbitten, doch mein Mut verliess mich. Wenn ich je ein Talent für Korrespondenz mit Damen besessen habe, so sind diese Tage, mein lieber Doktor, Ach! nicht mehr. Selbst die gutmütigen, gefälligen Geschöpfe, die einst das grüne Zimmer besuchten, in dem Sie mit mir gegenüber den Shambles2 wohnten, haben mich nun verlassen, undankbare Weiber! Sie sollten sich zumindest an meine früheren Dienste erinnern, doch selbst die Musen so wie andere Weiber, sagt Swift, behandeln einen Mann schlechter für jedes Lebensjahr, das hinzugefügt wird. Denken Sie daran, mein lieber Doktor! Und schreiben Sie Verse, solange Sie noch auf dem Gipfel des Parnass stehen. Was Ihren Freund, den alten Doktor, betrifft, so sind alle seine Vorstellungen vom Glück in dieser Welt in einen engen Kreis eingeschlossen: der Kamin, ein bequemer Sessel, einige gute Bücher und zwei oder drei alte Freunde, die gut genug sind, ihn zu besuchen, bilden sein summum bonum. Noch einmal, mein lieber Doktor, was treiben Sie? Wie viele Jahre wollen Sie noch verstreichen lassen, sich Zukunftsträume von Glück auszumalen, die vielleicht nie wahr werden, während Sie das vernachlässigen, was in Reichweite liegt — kehren Sie also in Ihr Heimatland zurück — es ist das beste, das ich je gesehen habe, zumindest für einen Amerikaner. Verwenden Sie die Talente, mit denen der Himmel Sie so reichlich beschenkt hat, zur Förderung von Ordnung und guter Regierung, die für das politische Glück einer Verfassung so wesentlich sind, an deren Ausarbeitung Sie keinen geringen Anteil hatten — überlassen Sie Rechtsgeschäfte, Handel und Spekulationen denen, die zu nichts Besserem taugen. Der Charakter eines aufrechten Staatsmannes und fähigen Gesetzgebers wird Ihnen unendlich besser stehen — dies sind die Ansichten Ihrer wahrsten Freunde und besonders Ihres aufrichtigsten
Old Doctor
Philadelphia, 1. November 1790

P.S. Wenn Sie irgendeinem meiner alten amerikanischen Freunde begegnen, die mich nicht vergessen haben, so gedenken Sie meiner bei ihnen; besonders aber bei Mr. und Mrs. Penn — sollten Sie je Monsieur La Luzernes sehen, so bitte ich Sie, ihm zu versichern, dass ich die zahlreichen Beweise von Höflichkeit und Aufmerksamkeit, die ich von ihm in Philadelphia empfangen habe, niemals vergessen kann und dass ich immer glücklich sein werde, von seiner Gesundheit und seinem Wohlergehen zu hören. Mrs. Clark und Miss Dally bitten mich, Ihnen ihre besten Wünsche für Ihre eigene Gesundheit und Ihr Glück auszurichten.

John Jones an Gouverneur Morris, Mai 1791

«Jones, John»
Philadelphia, Mai 1791
4 Seiten.
Quelle: Rare Book & Manuscript Library, Columbia University Libraries, Gouverneur Morris Papers.

»Caelum non animum mutant qui trans mare currunt«3, sagt das alte lateinische Sprichwort, und es täte mir sehr leid, mein lieber Doctor, wenn Sie eine Ausnahme von der allgemeinen Regel wären. Doch wenn ich bedenke, wie viel Zeit vergangen ist, seit ich Ihnen eine ziemlich lange, freundschaftliche Epistel geschrieben habe, ohne auch nur die geringste Antwort zu erhalten, kann ich mich einer kleinen Vermutung von Entfremdung bei meinem alten Freund nicht erwehren; einem Freund, der früher weder sparsam mit seinen Worten war noch sich davor scheute, ein wenig Tinte zu vergiessen. Was auch immer die Ursache Ihres Schweigens sein mag, ob das Streben nach Ruhm oder Reichtum, beides beginne ich inzwischen als eitle Erwerbungen zu betrachten, bin ich entschlossen, Sie noch einmal zu fragen: Wie geht es Ihnen? Ich habe noch nicht gehört, dass Sie reich geworden seien; und wären Sie es, so würden [archy] Mr. [Call & George Emlen] Ihnen den Preis wohl streitig machen. Aber in der Tat, mein lieber Doctor, ich glaube, Sie haben Ihre Talente verkannt, als Sie sie auf die Wissenschaft der Vermögensanhäufung verwendeten. Das war nie das Genie Ihrer Familie, die im Allgemeinen die Kunst des Geldausgebens weit besser verstanden hat als jene, es zu erwerben. Und ich wünsche aufrichtig, Sie mögen von dieser Wahrheit überzeugt werden, bevor Sie zu viel von Ihrem eigenen ausgegeben haben. So viel zur Beratung ohne Honorar, die ich, wie Sie wissen, nicht jedem gratis erteile. Erlauben Sie mir nun, Ihrer freundlichen Aufmerksamkeit Mr. James Jones, meinen jüngsten Bruder, zu empfehlen, der kürzlich von New Orleans nach Bordeaux gesegelt ist. Da er beabsichtigt, einige Monate in Paris zu verbringen, würden Sie mir einen grossen Gefallen tun, wenn Sie ihn einigen Ihrer Freunde dort vorstellen würden, und ich wage zu versichern, dass er Ihrer Empfehlung alle Ehre machen wird, ausserdem wird er Ihnen für ein wenig Rat zur facon de vivre in Paris sehr verbunden sein, wie sie einem Mann seines Lebensalters geziemt, das etwa fünfundvierzig Jahre beträgt, und der in einem Stil vornehmer Ökonomie zu leben wünscht. Er beabsichtigt, den Winter in London zu verbringen, wo er hoffentlich das Vergnügen Ihrer persönlichen Bekanntschaft haben wird. Alle Briefe, die Sie ihm nach Paris zukommen lassen möchten, können an ihn bei Mr. Short, unserem chargé des affaires, adressiert werden, dem Herr Jefferson ein Empfehlungsschreiben für ihn ausgestellt hat. Wenn er seine Neugier in den beiden Hauptstädten Frankreichs und Englands befriedigt hat, beabsichtigt er, im Frühjahr zu seinen Freunden und in sein Heimatland zurückzukehren. Dann mag er eine vergleichende Ansicht der verschiedenen Länder bilden, die er gesehen hat, mit der seines eigenen; das sich seit seinem letzten Anblick so sehr verändert hat, dass es ihm beinahe ebenso neu erscheinen wird wie jene Länder, die er zuvor nie gesehen hatte. Vielleicht werden auch Sie selbst ein wenig staunen, wenn Sie die Hauptstadt der Vereinigten Staaten wiedersehen, wo Männer, Frauen und Dinge seit jener Zeit, da Sie und ich sie zuerst kannten, nicht oder nur wenig verwandelt worden sind. Doch was gibt es in dieser wandelbaren Szene, das sich nicht unaufhörlich verändert? Selbst Sie und ich, mein lieber Doctor, sind nicht mehr dieselben Wesen, die wir vor gut dreissig Jahren waren; und was oder wo wir in einem ähnlichen Zeitraum sein werden, weiss allein der, der uns hierher beordert hat. Einstweilen trimme ich die alte Barke noch und halte sie im bestmöglichen Stand der mir noch gelingt, sodass Sie sie, wenn Sie Ihre Rückkehr nicht noch um ein oder zwei Jahre hinausschieben, wahrscheinlich noch sehen können, bevor sie den Styx überquert. Eine Überfahrt, die mein armer Freund Frank vor wenigen Tagen in Eile angetreten hat, trotz seines spring blocks4, und die eine Lücke in meinem kleinen Kreis des Glücks hinterlassen hat, die sich nicht leicht wieder füllen lässt. Unsere übrigen Freunde sind im Allgemeinen wohlauf, nicht ausgenommen Mrs. Clarke und Miss Dally, mit denen der alte Doktor so lange gelebt hat, dass er kaum ohne sie leben könnte. Adieu, mein lieber Doktor! Dass Sie lange und so glücklich wie möglich leben mögen, ist der aufrichtigste Wunsch Ihres liebevollen alten Freundes
John Jones
Philadelphia, Mai 1791

1

John Jones, 1729 in Jamaica, New York geboren, verstarb am 23. Juni 1791 in Philadelphia, Pennsylvania. Ein Monat nach dem Datum des zweiten Briefes.

2

Shambles: in der kolonialzeitlichen Hauptstadt Philadelphia die offenen bzw. überdachten Marktstände, besonders für Fleisch, Lebensmittel und Waren. Der Begriff bezeichnete ursprünglich Orte, an denen Fleisch geschlachtet, zugerichtet und verkauft wurde. In Philadelphia standen solche Marktstände unter anderem entlang der High Street, der heutigen Market Street.

3

»Den Himmel [das Klima] ändern sie, nicht die Seele [die Gesinnung], die über das Meer eilen.« — Horaz

4

spring block: Den Ausdruck kann ich nicht eindeutig auflösen. Ob Jones hier einen technischen, medizinischen oder idiomatischen Begriff verwendet, ist mir ohne weitere Vergleiche nicht klar. Hinweise auf zeitgenössische Verwendungen sind sehr willkommen.